RESULTATE UND POTENZIALE

Gespräch der Teilnehmer*innen des Artist Lab „Tausend Hektar Kunst“ mit Robert Mießner am 29. August 2022 in Bröllin

Was haben wir gelernt, was wir vorher nicht wussten?

Marie Güsewell: Die Kluft oder dieser krasse Gegensatz zwischen uns als Künstler*innen aus einem städtischen Raum und Bewohner*innen aus dörflichen Räumen, der irgendwie oft behauptet oder dargestellt wird, ist gar nicht so manifest. Ich habe schon das Gefühl gehabt, es ist gewollt, dass Kunst und Kultur da sind. Und ich hatte nicht das Gefühl, ich habe mich verstellt.

Jule Torhorst: Für mich hat sich die Dramaturgie unseres ganzen Projektes bestätigt: Dass wir aus einer ersten persönlichen Begegnung den Bogen gespannt haben, dass wir beim Jubiläum von Schloss Bröllin einen künstlerischen Rahmen für Gespräch gesucht, dass wir in Damerow und Fahrenwalde die Leute vom Angelverein und die Feuerwehr getroffen und im Anschluss die Performances entwickelt haben. Sonst ist es halt, man tingelt übers Land und bringt eine Show mit und macht Flyer-Werbung und hofft, dass die Multiplikatoren kommen mit Leuten, aber, genau, also dieser Erstkontakt weit vor der Show ist, glaube ich, wichtig. Wenn man was Neues startet, muss man den Erstkontakt liebevoll pflegen.

Das Land ist keine weiße Leinwand. Interessant ist doch, was bereits da ist. Potential ist ein schwieriges Wort, aber hilfreich.

Marie Güsewell: In Damerow haben mir nochmal drei Frauen erzählt, und das ist ja wichtig, diese Tradition haben sie ja, dass es zum Beispiel zu DDR-Zeiten noch betriebliche Theaterabonnements gab. Da war ins Theater gehen was ganz Normales.

Wir kommen in Orte, wo, auch wenn es 30 Jahre her ist, die Leute, wenn sie alt genug sind, mit Kultur sozialisiert worden sind.

Robert Mießner: Gerade in den 80er-Jahren der DDR haben hier an den Theatern Leute gearbeitet, die man in der Hauptstadt nicht haben wollte. Stichwort Frank Castorf in Anklam. Und, es gibt hier ein großes Misstrauen allem gegenüber, was als Obrigkeit daherkommt. Das muss auch so sein.

Was war aus dem Publikum zu unseren Performances zu hören?

Carola Lehmann: In Damerow zum Beispiel hat jemand gesagt, wir sollten noch mehr kabarettistisch und auf politische Zustände noch aggressiver eingehen. Das war aber unklar, ich fragte ihn, was sind denn die zwei, drei Themen, die Sie hier im Ort konkret interessieren oder die Ihnen unter den Nägeln brennen? Und dann sagte er, das kann man auch ganz global sehen, die ganze Politik ist doch am Boden. Aber dann war unsere Aufführung auch ein Auslöser, darüber nachzudenken, wie es mit ihrem Kulturverein ist. Denn, ich weiß nicht, ob Ihr das mitbekommen habt, der Kulturverein Damerow wurde mit Beginn von Corona aufgelöst. Die hatten immer die Idee, dass es Nachwuchs gibt, also Leute, die halt eher so 40 sind und nicht 70. Das hat sich aber nie so richtig formiert.

Der Bäckerbus hat etwas ausgelöst. Denn es gab da tatsächlich den Bäcker Kurzweg. Der Opa von der heutigen Besitzerin hat früher mit einem Handwagen die Brote ausgeteilt. Und da wurden diese ganzen Geschichten von diesen unterschiedlichen Bäckereien erzählt, die die Dörfer beliefert haben und dass es auch einen begehbaren Konsum gab und das waren halt so sehr Zeitgeschichten. Und dann ging es um die Kulturvereine, die in dem Ort dann eigenständig Kultur aufs Dorf gebracht haben. Nachbarschaft, Zusammenhalt und Gemeinschaft, das waren Worte, die immer wieder kamen.

Was kam, was kommt speziell an?

Carola Lehmann: Ich habe, glaube ich, unter anderem auch gelernt, dass in der Stadt die ästhetische künstlerische Behauptung und die künstlerische Position viel stärker im Fokus ist als in der ländlichen Region. Wie können wir die ästhetischen Mittel, die Ausdrucksformen besser auf die Situation abstimmen, dass die Aufführung künstlerisch interessant wird? Aber, ich habe auch gelernt, dass dieses Handgemachte – wir öffnen jetzt die Luke vom Bäckerwagen und stellen so einen Scheinwerfer auf – dass das sehr charmant sein kann und dass ich jetzt nicht drei Tage Lichtproben und die Effekte der Guckkastenbühne unbedingt brauche, um mit darstellender Kunst in Kontakt zu kommen …

Marie Güsewell: Ein Aha-Moment war … wie diese Luke aufgegangen ist …

Jule Torhorst: … genau, wie so ein Vorhang halt.


Wie sieht der Erkenntnisgewinn für die darstellenden Künste aus?

Carola Lehmann: Ich denke nicht mehr in den Rastern von Stadt und Land.

Es muss eine kontinuierlichere Förderung geben. Ohne die gibt es keine Nachhaltigkeit im Künstlerischen. Wir wollen doch hier nicht nur einmal aufschlagen, und dann sind wir wieder weg. Im Gegenteil.

Jule Torhorst: Ich finde es auch eine Erkenntnis, dass darstellende Künste das Potenzial haben, Räume zu öffnen, Begegnungen zu schaffen und angenommen werden. Und, was ich als Erkenntnis noch mitnehme, es braucht Kontinuität. Verbunden mit der Frage, was braucht eine Produktion, um diese Räume zu öffnen? Brauchen wir 100.000 € für Licht und Material und Bühnenbild? Wahrscheinlich nicht, wahrscheinlich kann man mit relativ geringen Materialmitteln schöne Räume öffnen, aber wir brauchen die Menschen und auch die Spielräume, um das zu bringen, und das muss finanziert sein.

Wie geht es nun weiter?

Kathrin Ollroge: Schön wäre es, wenn es nicht heißt, naja, 2022, da kam hier dieses Dutzend Künstler aus der Stadt zu uns und ward nie mehr gesehen, sondern wenn die Leute 2023 sagen, in diesem Jahr hatten wir eine schöne Veranstaltung, eine tolle Veranstaltungsreihe mit „Tausend Hektar Kunst“. Und wenn sie im nächsten Jahr, wenn sie 2024 kommen, gehen wir auch wieder hin.

Carola Lehmann: Wir bauen hier schon eine Erwartungshaltung auf. Hinter die können wir nicht zurück, wir haben jetzt Verantwortung. Ich wurde auch gefragt, wann wir wiederkommen und ob wir bei der und der Veranstaltung dabei sind.

Jule Torhorst: Wenn wir mit einem Stück arbeiten würden, wäre ein kompaktes Stück gut, in dem sich die Episoden in ein Ganzes verknüpfen. Das in einer Zusammenarbeit von Profis und Laien, wenn möglich als Tournee. Das Stück könnten wir selbst entwickeln …

Robert Mießner: … oder aber auf Autoren der Region zurückgreifen, beispielsweise Ehm Welk.

Und als Zukunftsmusik spielt die Schalmeienkapelle der Fahrenwalder Feuerwehr John Cage.

Vorher sehen wir uns alle auf dem Erntefest.